von Fabienne Ballmer-Gerber
Letztens war ich in einem Restaurant zu Gast. Die Mitarbeitenden waren freundlich, der Ton locker. Schon bei der Reservation meldete sich Anna am Telefon mit dem Vornamen, und ich antwortete automatisch ebenfalls mit meinem. Damit war auch das Du gesetzt. Nicht ausgesprochen, nicht angeboten, einfach da!
Ich gebe zu: Auch ich frage als Seminarleiterin oft, ob wir uns duzen dürfen. In der Zusammenarbeit mit meinen Kunden bin ich ab dem Moment per Du, in dem wir miteinander arbeiten, dort wo die Situation persönlich wird. Wenn ich das Du anbiete, halte ich mich jedoch an gewisse Regeln: Alter, Hierarchie, Kontext und so weiter. Gerade in Arbeitsteams, die täglich eng zusammenarbeiten, empfinde ich das Du als passend.
Zurück zum Restaurantbesuch: Wir sassen am Tisch, als die Chef de Service zu uns kam. Sie duzte uns von Beginn an und sagte irgendwann ganz nebenbei: «Wir haben die Du-Kultur eingeführt. Ich hoffe, das ist für euch okay.» Ja, klar. Was hätten wir auch sonst sagen sollen.
In meiner Erziehung habe ich gelernt, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. Dazu gehörte auch eine gewisse Sie-Kultur. Meine Eltern waren mit ihren Mitarbeitenden nie per Du. Das mag heute als überholt gelten. Und ja, auch ich nerve mich manchmal, wenn jemand stur beim «Sie» bleibt, wenn es nicht mehr passend ist. Ich bin dafür, dass man im Arbeitsumfeld in Teams oder Firmen per Du sein kann.
Aber eben: nicht mit der Tür ins Haus. Und braucht es eine neue Kultur dafür? Du A*** und Sie A*** meinen dasselbe, fühlen sich aber nicht gleich an. Sprache wirkt. In der direkten deutschen Sprache markiert das «Sie» Förmlichkeit und damit eine gewisse emotionale Distanz. Genau darum geht es doch.
Und bitte sagen Sie jetzt nicht: Im Englischen gibt es das auch nicht. Dort gibt es zwar kein Höflichkeitspronomen, aber Nähe und Distanz werden über andere sprachliche Mittel sehr klar geregelt.
Ich weiss: Grosse Unternehmen, Verbände und ganze Branchen führen die «Du-Kultur» ein. In manchen Bereichen, etwa im Sport, ist das doch absolut stimmig. Doch im Dienstleistungsbereich sollten wir genauer hinschauen und sensibler mit unserer Sprache und damit auch mit unserem Gegenüber sein.
Dienstleistung bedeutet, sich in den Dienst eines anderen zu stellen. Dabei ist entscheidend, wie viel Nähe gewünscht ist – und wie viel Distanz. In einer Après-Ski-Bar passt das «Du». Aber gilt das auch in einer Bank oder einem Restaurant oder Hotel, in denen ich bewusst für Atmosphäre, Vertrauen und so wieter bezahle?
Als Mutter beschäftigt mich das besonders. Neben der schulischen Bildung halte ich soziale Erziehung für zentral. Dazu gehört, Nähe und Distanz einschätzen zu können und zu wissen, wie man sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten bewegt. Das ist nichts, was man einfach hat. Man wird dazu erzogen.
Sprache ist ein mächtiges Instrument. Sie prägt unser Miteinander und unser Gespür für Grenzen. Vielleicht sollten wir uns deshalb öfter fragen, wann Nähe verbindet und wann Distanz Respekt bedeutet.

