gaw Arbeits- und Wohnintegration
Seit 1987 steht die Non-Profit-Organisation gaw für professionelle und nachhaltige Arbeits- und Wohnintegration für Menschen mit Beeinträchtigungen in der Region Basel. Dabei gewährleisten marktnahe Betriebe in den Bereichen Detailhandel, Gastronomie, Hauswirtschaft, Wäscherei, Konfektionierung und Lebensmittelproduktion eine hochstehende Förder- und Facharbeit für begleitete Arbeits- und Ausbildungsplätze. Mit zwei Wohnhäusern bietet die gaw zusätzlich ein individuelles und durchlässiges Wohnangebot.
Interviewpartner: Giacinto Serrano
Autorin: Gabriela Röthlisberger
GESCHÄFTSFÜHRER*IN Basel: Herr Serrano, Sie sind Geschäftsführer der gaw – Gesellschaft für Arbeit und Wohnen, eines gemeinnützigen Vereins, dessen Kernauftrag darin besteht, Menschen mit einer Beeinträchtigung erfolgreich in den Arbeitsalltag zu integrieren. Können Sie mir etwas über die Herausforderung des Vereins als soziale Institution erzählen, einerseits wirtschaftlich zu denken und Finanzierungswege zu finden, andererseits den Kernauftrag weiterzuführen?
Giacinto Serrano: Als soziale Institution bewegen wir uns ständig im Spannungsfeld zwischen sozialem Auftrag und wirtschaftlicher Realität. Unser Kernziel ist die nachhaltige Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen in den Arbeitsalltag – das erfordert Zeit, individuelle Begleitung und oft Flexibilität, die sich nicht immer in betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ausdrücken lässt. Gleichzeitig müssen wir wirtschaftlich denken, um unsere Angebote langfristig sichern zu können.
Das bedeutet, wir suchen kontinuierlich nach Wegen, Kooperationen und Möglichkeiten, unsere Dienstleistungen marktorientiert weiterzuentwickeln, ohne dabei unseren sozialen Auftrag zu verwässern. Diese Balance zu halten ist anspruchsvoll, aber genau darin liegt auch unsere Stärke, wirtschaftliche Professionalität mit sozialer Verantwortung zu verbinden.
Welche Integrationsangebote bietet der Verein gaw konkret an?
Wir arbeiten eng mit der Invalidenversicherung und der Behindertenhilfe zusammen. Grob gesagt gibt es zwei Bereiche: die Integration von Menschen auf einem begleiteten Arbeitsplatz und die sogenannten beruflichen Massnahmen. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Betroffene, welche bereits eine IV-Rente erhalten. Hier geht es vorwiegend darum, dass die Menschen bei uns eine Tagesstruktur und Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben erhalten.
Die Integration von Menschen im Bereich der beruflichen Massnahmen ist vielschichtig. Hier bieten wir in unterschiedlichen Berufsfeldern diverse Formen der Eingliederung und Abklärung an. Zudem ermöglichen wir Ausbildungen auf EFZ- und EBA-Niveau sowie Praktikerausbildungen in verschiedenen Berufsfeldern. Ergänzend dazu führen wir Programme für das sogenannte Supported Employment und die Supported Education durch. Bei beiden Programmen sind unsere Partnerbetriebe im ersten Arbeitsmarkt entscheidend für den Erfolg, denn nur durch die Zusammenarbeit mit diesen Partnerunternehmen können wir echte Arbeitsplätze schaffen. Darüber hinaus bieten wir betreutes Wohnen – sowohl stationär als auch ambulant – in Wohnhäusern und Wohngemeinschaften an.

und fördern Selbstvertrauen im Berufsalltag.

Wie setzt sich das Dienstleistungsportfolio der gaw zusammen?
Unser Angebot ist breit aufgestellt, jedoch liegt der Fokus auf den Lebensmittelsektor. Im Arbeitsbereich schaffen wir geschützte und integrative Arbeitsplätze in den Branchen Detailhandel (Migros-Partnerbetriebe), Lebensmittelproduktion (Gasparini und Genuss-Manufaktur Sweet Basel) und Gastronomie (Restaurant, Catering, Mahlzeitendienst). Hinzu kommen die Servicebereiche Hauswirtschaft mit Wäscherei und Reinigung sowie eine Konfektionierung im Food- und Non-Food-Bereich. Weiter bilden wir in den Branchen Büro / KV und IT aus. Alle Angebote sind marktnah ausgerichtet und erfüllen reale Kundenaufträge mit hohen Qualitätsanforderungen.
Welche Relation besteht zwischen der traditionsreichen Glace-Manufaktur Gelati Gasparini und der gaw?
Gelati Gasparini gehört seit dem Jahr 2002 der gaw und ist heute das wirtschaftliche Herz der gaw — mit Gelati Gasparini können wir andere Arbeitsbereiche querfinanzieren. Die Manufaktur bietet Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen an. Für dieses Engagement wurde Gelati Gasparini 2022 mit dem Swiss Diversity Award ausgezeichnet. Die Produktion von Glace ist dabei nicht Selbstzweck, sondern ein wirkungsvolles Mittel, um Teilhabe, Selbstwert und Perspektiven für Menschen mit einer Beeinträchtigung zu schaffen.
Am 20. Oktober 2025 wurde das Projekt «avanti» mittels einer Medienorientierung der Öffentlichkeit vorgestellt. Worum geht es da genau?
«avanti» ist das Entwicklungs- und Standortprojekt der gaw: Die Gasparini-Produktion zieht bis 2027 von Münchenstein nach Pratteln um, die Fläche wächst von 831 auf 1 833 Quadratmeter. Damit erhöhen wir die begleiteten Arbeitsplätze (von acht auf vierzehn bis 2030) und verdoppeln gleichzeitig die Lehrstellen (von vier auf acht), zudem wird das Fachteam verstärkt. Ziel ist es, die Zukunft der gaw zu sichern und noch mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze anbieten zu können.
Warum ist ein Weiterbetrieb am bisherigen Produktionsstandort in Münchenstein (BL) nicht mehr möglich?
Am Standort Münchenstein könnte ab dem Jahr 2030 nicht mehr produziert werden. Die heutigen Kühlanlagen entsprechen dann nicht mehr den Vorgaben des Bundesamts für Umwelt (BAFU). Eine Umrüstung wäre wirtschaftlich nicht tragbar, zudem sind die momentanen Platzverhältnisse in der Produktion eng. In der Hochsaison arbeiten Menschen mit einer Beeinträchtigung, temporäre Mitarbeitende und Fachpersonal auf kleinstem Raum – eine grosse Herausforderung, insbesondere für Personen mit einer psychischen Beeinträchtigung.

in die Schokoladen-Couverture ist zu 100 Prozent Handarbeit.
Wie wird das Projekt – Wegzug von Münchenstein nach Pratteln, neue Produktionshallen – finanziert?
Das Projektvolumen beträgt rund acht Millionen Franken, wovon wir zwei Drittel selbst finanzieren. Für ungefähr drei Millionen Franken sind wir auf Fremdmittel – insbesondere Stiftungen und private Unterstützende – angewiesen. Schon die Integration von Gelati Gasparini im Jahr 2002 sowie die Übernahme von Sweet Basel im Jahr 2022 konnte die gaw damals aus eigener Kraft und ohne Fremdmittel stemmen. Dank umsichtiger Geschäftsführung waren wir bis heute nicht auf externe Finanzierung angewiesen.
Mit dem Projekt «avanti» stossen wir erstmals an unsere Grenzen: Um auch künftig Arbeits- und Ausbildungsplätze im geschützten Rahmen anbieten und sichern zu können, ist eine Fremdfinanzierung notwendig. Falls wir diese drei Millionen Franken nicht über Fremdmittel erreichen, müssten wir einen Teil über eine Hypothek finanzieren. Das möchten wir vermeiden, um weiterhin möglichst viel Geld in die Integrationsarbeit statt in Zinsen zu investieren.
Ergo hat die erfolgreiche Realisation des Projekts «avanti» für die Zukunft der gaw eine grosse Bedeutung?
Absolut! Wie bereits erwähnt, ist Gelati Gasparini das wirtschaftliche Herz der gaw. Das Projekt ist somit zukunftsweisend für die gesamte gaw.
Es hat immer grossen Spass gemacht, im Fabrikladen vom persönlichen Service und 20 Prozent Rabatt bei jedem Einkauf auf das gesamte Sortiment, inklusive dem Klassiker «Zolli Cornet», zu profitieren. Bleibt der beliebte Shop an der Dammstrasse 36 in Münchenstein weiterhin erhalten?
Ja, der populäre Fabrikladen in Münchenstein bleibt auf jeden Fall bestehen. Die Öffnungszeiten und der einzigartige Rabatt auf das Sortiment bleiben ebenso erhalten.

Wird am neuen Standort in Pratteln ein zweiter Fabrikladen eröffnet?
Ob es einen weiteren Fabrikladen in Pratteln geben wird, ist aktuell noch offen. Im Fokus steht die erfolgreiche Umsetzung der neuen Produktionsanlagen.
Wie erklären Sie sich diese erfolgreiche Symbiose zwischen der gaw und dem Glace-Produktionsbetrieb, die seit bald einem Vierteljahrhundert floriert?
Die Symbiose funktioniert, weil Handwerk und Förderung zusammenpassen: Bewusster Verzicht auf Vollautomation schafft sinnstiftende Arbeit, echte Qualitätsstandards sichern den Markterfolg – und die Erträge stützen andere Integrationsangebote der gaw.
Welche Reaktionen über den geplanten Umzug der Produktionsstätte gab es seitens der Mitarbeitenden von Gelati Gasparini?
Die Rückmeldungen der Mitarbeitenden sind vielfältig: Viele freuen sich und blicken mit Stolz auf den nächsten Schritt, andere haben verständlicherweise Fragen zu den neuen Arbeitswegen, Abläufen oder Schulungen. Wir begleiten den Wandel mit Informationsformaten, Mitwirkungsmöglichkeiten und Gesprächen.

Die Mitarbeitenden sind mit Freude und Präzision bei der Arbeit.
Denn sinnvolle Tätigkeiten schaffen Struktur und Selbstvertrauen.
Sie haben in einer vorherigen Antwort kurz den Swiss Diversity Award angesprochen, als Gelati Gasparini 2022 für das grossartige Engagement ausgezeichnet wurde, Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen anzubieten. Wie kam es im Detail dazu?
In den vergangenen Jahren wurde unsere Glace-Manufaktur auch über die regionalen Grenzen hinweg bekannt. Diese Entwicklung führte dazu, dass auch der Verein «Swiss Diversity» auf uns aufmerksam wurde. Die Auszeichnung hat uns alle überaus gefreut, weil sie ein signifikanter Meilenstein der Wertschätzung für unsere wertvolle und gesellschaftsrelevante Arbeit bedeutet.
Wie steht es um die Nähe der gaw zum ersten Arbeitsmarkt?
Die Nähe zum ersten Arbeitsmarkt ist zentral. Durch Supported Employment und Supported Education, integrative Arbeitsplätze in Partnerbetrieben sowie marktnah geführte Eigenbetriebe schaffen wir reale Arbeitsbedingungen. Dadurch fördern wir praxisnahe Kompetenzen und erleichtern den nachhaltigen Übergang in den regulären Arbeitsmarkt. Wir unterstützen diese Betriebe aktiv und bieten ihnen die notwendige Begleitung – sie müssen keine Bedenken haben, dass die Integration von Mitarbeitenden mit Beeinträchtigungen zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen. Mit den betroffenen Mitarbeitenden suchen wir gemeinsam passende Stellen und bereiten Bewerbungen vor. Des Weiteren klären wir Arbeitgebende auf und begleiten den Einstieg oder Wiedereinstieg direkt am Arbeitsplatz – so lange, wie es nötig ist. Ziel ist eine langfristige und stabile Anstellung.
Wie gut ist die gaw beim Thema Kooperationen und strategische Partnerschaften aufgestellt?
Langjährige und verlässliche Partnerschaften sind für uns von grosser Bedeutung – sie bilden das Fundament unseres Erfolgs. Wir pflegen zahlreiche enge Kooperationen mit Akteurinnen und Akteuren aus Gastronomie und Detailhandel, mit Bildungs- und IV-Stellen, Stiftungen sowie regionalen Institutionen. Besonders hervorzuheben sind unsere langjährigen Partnerschaften mit dem Zoo Basel, Sutter Begg, der Migros und Ricola. Diese Zusammenarbeit ermöglicht es uns, marktorientierte Projekte umzusetzen, nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen und Integration im Alltag erlebbar zu machen.
Sind in naher Zukunft weitere Projekte dieser Art zur Finanzierung und somit zum Fortbestand der gaw geplant?
Unsere Konzentration liegt aktuell auf der sicheren Umsetzung des «avanti»-Projekts. Darüber hinaus halten wir die Augen offen und prüfen kontinuierlich infrage kommende Effizienz- und Qualitätsprojekte in unseren Ressorts.

