von Miquel del Río
Abriss wird Bauherren oft als die effiziente Wahl verkauft. Tatsächlich muss er als Kapitalvernichtung gesehen werden. Indem wir bestehende Gebäude als Ressource statt als Hindernis begreifen, schaffen wir Vermögenswerte, die ökologisch überlegen und auf eine Lebensdauer von 200 Jahren ausgelegt sind.
Wir leben in einer Ära, die von Effizienz definiert wird. Dennoch begehen wir in der Architektur unsere wohl grösste ökonomische und ökologische Sünde: den Abriss. Er wird oft als technische Notwendigkeit oder als frischer Neustart verkauft, doch das ist ein Trugschluss. Abriss ist keine Lösung; er ist ein Mangel an Vorstellungskraft und eine Vernichtung von Werten.
Der Mythos der Tabula rasa: Oft ist der Traum des Investors die Tabula rasa – das weisse Blatt Papier. Doch im dichten Ballungsraum von Basel-Stadt und Basel-Landschaft ist dies eine kostspielige Fantasie. Wenn wir abreissen, schaffen wir nicht nur Platz, wir vernichten Kapital. Wir entsorgen Jahrzehnte an grauer Energie, materieller Qualität und historischer Identität, die man heute für Geld kaum mehr kaufen kann. Ein bestehendes Gebäude – ob historische Villa oder pragmatische Industriehalle – ist eine Bibliothek an Lösungen, die bereits investierte Millionen repräsentiert. Wir dürfen das, was eine Chance ist, nicht als Last behandeln. Die wahre Herausforderung unserer Zeit ist nicht, wie man bei null anfängt, sondern wie man diese vorhandene Ressource monetarisiert, ohne sie zu zerstören.
Dienst an drei Sphären: Wie kommen wir voran? Wir müssen einen Ansatz wählen, der drei Sphären gleichzeitig dient: der Bauherrschaft, indem wir die Bedürfnisse der Gegenwart kosteneffizient lösen; der Gesellschaft, indem wir das kollektive Gedächtnis respektieren; dem Planeten, indem wir die Zukunft durch radikale Ressourcenschonung sichern. Vor diesem Hintergrund wird die Bausubstanz nicht zum Hindernis, sondern zum Fundament einer langlebigen Zukunft. Die alte Substanz bietet eine Qualität und Einbindung, die ein Neubau in einem kosteneffizienten System schlicht nicht replizieren kann. Andernfalls enden wir mit Anbauten, die in 50 Jahren wieder abgerissen werden – genau wie es heute mit der Architektur der 70er- und 80er-Jahre geschieht.
Gegen Zombie-Gebäude: Konservierung allein reicht jedoch nicht. Ein Gebäude, das gerettet wird, aber leblos bleibt, ist ein «Zombie». Um Wert zu schaffen, brauchen wir mutige Eingriffe. Bei MIDERI haben wir dies beim kHaus in Basel bewiesen: Wir nahmen eine alte Kaserne – eine 9 000 Quadratmeter grosse Herausforderung – und öffneten sie für die gesamte Basler Bevölkerung. Und wenn wir darüber sprechen, sehen wir dies in allen Massstäben: zu grosse Häuser, die transformiert werden müssen; alte Schuppen, die neue Zwecke suchen; Bürogebäude, die zu Wohnraum werden müssen. Wir müssen aufhören abzureissen, wir müssen aufhören, künstlich zu konservieren, und wir müssen diese Gebäude in die Zukunft katapultieren. Wir haben bewiesen, dass dies ökonomisch und sozial nicht nur möglich, sondern effektiver ist: Jetzt ist der Moment, lokal zu denken und global zu handeln.
Hören wir auf, für die nächsten 15 Minuten zu bauen. Bauen wir für die nächsten zwei Jahrhunderte.

