Im Spannungsfeld von Intuition und System
Emma Kunz (1892 – 1963) arbeitete ausserhalb der etablierten Medizin und hinterliess dennoch ein Werk, das heute sowohl in der Kunst als auch in der Gesundheitsdebatte Beachtung findet. Ihre Zeichnungen und ihre naturheilkundliche Praxis verweisen auf ein Denken, das sich festen Kategorien entzieht.
Autorin: Katrin Gehri
Bilder: Emma-Kunz-Stiftung
Die in Brittnau (Aargau) geborene Naturheilerin verband naturheilkundliche Praxis mit einer Form der Forschung, die sich weder eindeutig der Wissenschaft noch der Kunst zuordnen lässt. Bekannt wurde sie durch das Heilgestein «AION A» sowie durch rund 500 grossformatige Zeichnungen. Letztere verstand sie nicht als Kunstwerke, sondern als Instrumente, mit denen sie die Zusammenhänge von Krankheit und Heilung sowie die Gesetzmässigkeiten der Natur untersuchte. Ihr bildnerisches Werk umschrieb sie wie folgt: «Gestaltung und Form als Mass, Rhythmus, Symbol und Wandlung von Zahl und Prinzip».
EIN ERWEITERTES VERSTÄNDNIS VON KRANKHEIT
Kunz wuchs in einfachen Verhältnissen auf und entwickelte früh ein Interesse an Pflanzen und deren Wirkung. Ohne formale medizinische Ausbildung eignete sie sich ihr Wissen durch eigene Beobachtungen an und erkannte dabei Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele. In ihrer Praxis behandelte sie Patientinnen und Patienten mit pflanzlichen Präparaten, deren Rezepturen sie entwickelte und herstellen liess.
Zentral für ihr Denken war die Annahme, dass körperliche Beschwerden nicht isoliert auftreten, sondern mit psychischen und emotionalen Prozessen sowie mit Einflüssen der Umwelt zusammenhängen. Damit vertrat sie eine Sichtweise, die ihrer Zeit voraus war und ausserhalb der etablierten Medizin stand.
Ihre Arbeit bewegte sich in einem Spannungsfeld zwischen naturheilkundlicher Praxis, intuitiver Wahrnehmung und einem systematischen Anspruch, Gesetzmässigkeiten von Gesundheit und Krankheit zu erkennen. Kunz verstand sich selbst weniger als Heilerin im klassischen Sinn, sondern als Forscherin, die Zusammenhänge sichtbar machen wollte.

DER RÖMERSTEINBRUCH UND AION A
Ein wichtiger Bezugspunkt ihrer Arbeit war der Römersteinbruch in Würenlos (Aargau), heute Standort des Emma-Kunz-Zentrums. Dort untersuchte Kunz mithilfe eines Pendels das gesamte Gelände, insbesondere die heutige Emma-Kunz-Grotte, und befasste sich mit Naturphänomenen wie sogenannten Erdstrahlen und Wasseradern – Konzepte, die wissenschaftlich nicht anerkannt sind, in alternativen Denkmodellen jedoch eine zentrale Rolle spielen.
In einer Grotte auf dem Areal entdeckte sie das Heilgestein «AION A», dem sie eine therapeutische Wirkung zuschrieb und das sie gezielt in ihrer Praxis einsetzte. Der Begriff «AION» – aus dem Griechischen für «grenzenlos» – stand bei Kunz für die universellen therapeutischen Möglichkeiten des Gesteins, dessen Wirkung sie nicht allein auf seine mineralische Zusammensetzung, sondern auf eine in ihm gespeicherte Energie zurückführte. Ein häufig zitierter Fall betrifft Anton C. Meier, Sohn des Steinbruchbesitzers, der 1941 an Polio (Kinderlähmung) erkrankte und nach rund achtmonatiger täglicher Behandlung mit AION-A-Wickeln wieder gesund wurde. Kunz selbst deutete solche Verläufe nicht als Wunderheilungen, sondern als Ausdruck zugrunde liegender, für sie erforschbarer Gesetzmässigkeiten.

ZEICHNUNGEN ALS ERKENNTNISINSTRUMENT
Ab ihrem 46. Lebensjahr begann Kunz, ihre Beobachtungen systematisch in grossformatige Zeichnungen zu überführen, nachdem sie bereits in jungen Jahren erste kleinformatige Skizzen angefertigt hatte. Die auf Millimeterpapier entstandenen Arbeiten sind geprägt von geometrischen Strukturen, Linien und Farbflächen und folgen oft klaren symmetrischen Ordnungen.
EIN DENKEN OHNE KLARE ZUORDNUNG
Zu Lebzeiten blieb Emma Kunz eine umstrittene Figur ausserhalb institutioneller Strukturen. Heute wird ihr Werk neu eingeordnet: Ihre Zeichnungen werden international ausgestellt und interdisziplinär erforscht, ihr Ansatz lässt sich als früher Beitrag zu einem erweiterten Gesundheitsverständnis lesen.
Da Kunz keine systematische Theorie hinterliess, entzieht sich ihr Werk einer eindeutigen Einordnung – und verweist gerade dadurch auf eine Perspektive, die heute wieder an Bedeutung gewinnt: Gesundheit als Zusammenspiel verschiedener Ebenen.


